
Meine Yogaausbildung bewegt sich vorwärts wie ein bedächtig fließender Fluss. Bisher gelang es mir immer, binnen ein, zwei Wochen nach dem Seminar den Bericht dazu zu verfassen. Hospitationsberichte von Yogastunden habe ich ebenfalls schon einige zusammen. Mit jedem Bericht fällt es mir einen Ticken leichter. Meine erste Yogastunde habe ich heute gegeben, innerhalb der Familie. Zusammengestückelt aus meinen bisherigen Hospitationsberichten, um eine handgelenksschonende und nur sanft hüftöffnende Yogastunde zu basteln. Keine herabschauenden Hunde und keine Schneidersitze. Es hat gepasst, wenngleich ich mir doch ein wenig komisch vorkam auf der Matte, die senkrecht zu den anderen Matten lag.
Eigentlich wollte ich die Ansagen der Asanas heute Vormittag noch mindestens dreimal üben, aber ich hatte spontan Lust, mir die Jungs zu schnappen und wandern zu gehen im nächstgelegenen Auwald meines Heimatdorfes. Uns gelang es, nur kurz am Spielplatz hängenzubleiben. Wir wollten auch unbedingt auf dem Rückweg noch länger dort verweilen. Daraus wurde aber nichts, weil wir einen viel schöneren Platz fanden, wohlfühlortverdächtig. Über dem Fluss, der den Weg bedächtig fließend begleitete, bildete an einer Stelle ein umgefallener Baumstamm eine Brücke. Dort rasteten wir.
Die Jungs zogen Schuhe und Socken aus, krempelten die Hosenbeine hoch und wateten ins knöcheltiefe Wasser. Ich, in Barfußschuhen unterwegs, balancierte über den dicken Baumstamm. Einmal hin, einmal zurück, vorsichtig tastend und Schwebebalkentraumata aus Schulzeiten ignorierend. Nochmals hin und zurück, diesmal etwas schneller. Der große Kleine half dem kleinen Kleinen, der auf den Baumstamm geklettert war, zurück nach unten, indem er ihm Mut zusprach und ihn auffing beim Hinabgleiten. Ich balancierte noch einmal hin und zurück, verlor für eine Schrecksekunde das Gleichgewicht und fing es wieder auf. Danke, Yoga, für das gute Körpergefühl.
Immer wieder zeigten mir die Jungs etwas, das sie gebaut hatten: Ein Insektenhotel für Wasserläufer, einen Kaulquappenteich. Der große Kleine fand eine Flussmuschel. Ich probierte eine einfache Standübung aus, Tadasana, die Berghaltung. Na ja, um dabei das Gleichgewicht zu verlieren, muss man sich auch ganz schön anstrengen. Ich brachte die Arme über die Seite nach oben und ging in eine leichte Rückbeuge. Es klappte. Zum Ausgleich dazu in eine Vorbeuge. Ich spürte die Baumrinde unter meinen Fußsohlen und sah sie mit meinen Augen. So verwegen, sie zu schließen, war ich nicht. Aber verwegen genug, Vrikshasana, den Baum auf dem Baumstamm zu probieren. Mit dem linken Standbein fühlte es sich leichter an. Der große Kleine blickte vom Fluss aus zu mir auf und rief: “Ey, Alter, machst du Yoga?” Und verwurzelte seinerseits den Fuß für den Baum im Wasser.

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