Seit ich fast täglich Yoga in meinen Terminkalender quetsche, ist meine Laufroutine nach und nach verblasst bis nahezu gänzlich verschwunden. Das letzte Mal drehte ich am Morgen des Schulanfangs des großen Kleinen eine Joggingrunde im Stadtpark, da war am Morgen die Sonne schon aufgegangen.
Heute war das Licht des Nachmittags vergleichbar mit dem frühen Morgenlicht Anfang August, zumindest dessen Intensität, das Sanfte, das dem Licht innewohnte. Nur in den Farben unterschied es sich: Das Augustlicht hatte durch den Blätterfilter grünlich gewirkt, während das Novemberlicht heute gelblich blieb, ungefiltert durch kahle Äste. Dieses Licht brachte mich dazu, meine Laufschuhe unter Sedimentschichten von Schuhen auszugraben, eine Windjacke überzuziehen und einfach loszulaufen. Die Musik in meinem Telefon nahm ich nicht mit, ich wollte nichts als meinen Körper tragen. Mein Plan war eh ambitioniert genug, untrainiert, wie ich war.
“Wahrscheinlich werde ich mich ungefähr in der Mitte der Strecke ärgern, dass ich nicht einfach Ashtanga geübt habe”, rief ich, und: “Ich klingle dann!” Und weg war ich.

Einige verbliebene gelbe Blätter an den kahlen Bäumen und das Rascheln der restlichen Blätter unter meinen Füßen brachten mir ein Lied in den Kopf: “Der Herbst, der Herbst, der Herbst ist da…” Ich lief locker die ersten Schritte und es ging besser als gedacht. Das Herbstlied summte in meinem Kopf. Ich hatte es mit dem kleinen Kleinen einmal durcheinandergewürfelt: “Das Blatt, das Blatt, das Blatt ist da, es bringt uns Herbst, heihussassa, Drachen auf den Teller, Zweige in den Keller, heiahussassa, das Blatt ist da…” Neben der Erinnerung an sein Lachen klangen mehrere Variationen des Liedes durch meinen Kopf, es entwickelte sich zu einem Ohrwurm. Hätte ich doch nur das Telefon mitgenommen. Noch immer lief ich locker, das schien den Ohrwurm zu nerven, er versuchte mich zu Höchstleistungen anzutreiben: “DerHerbstderHerbstderHerbstistda…” Sing langsamer, Wurm. “Na gut. Deeeeer Heeeeerbst, deeeeeer Heeeeerbst, deeeeer Heeeeeerbst iiiiist daaaa…” Na, so langsam nun auch nicht.
Irgendwann im zweiten Drittel meiner Strecke geriet ich in eine Art Flow, der Ohrwurm, mein Atem und das Knistern der Blätter unter meinen Schritten kamen in Einklang. Bis sich mein rechter Schnürsenkel löste, ich bemerkte es am nachlassenden Druck am Fußspann. Das Zubinden verband ich mit einer Dehnungsübung, versuchte, das Bein gestreckt zu lassen. Es gelang mir besser als im Sommer. Einer der Schnürsenkel geht mir immer auf, oder beide.
Im letzten Drittel kam ich nicht mehr in den Flow, aber es fiel mir noch immer leichter, als ich anfangs gedacht hatte, ich lechzte nicht sooo sehr nach einer Pause und ich spürte die Leichtigkeit beim Halten der Körperspannung, Schultern locker nach hinten, Bauchnabel nach innen ziehen, unteren Rücken schützen – ich hatte nicht mehr so viel Mühe, das aufrechtzuerhalten wie vor einiger Zeit. Was durch meine Yogapraxis in Kaffeebohnen vorangeschritten und dadurch unbemerkt geblieben war, bemerkte ich nun aber doch, dank der längeren Joggingpause.

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