Teflon-Seele oder der Lotuseffekt

Manche Menschen sind gesegnet mit einer teflonbeschichteten Psyche oder Seele, wie auch immer man den Ort nennen möchte, wo unsere Gefühle herumspazieren, die Gedanken flattern, Ideen aufblitzen, Konzentration und Fokus in Padmasana sitzen und unser Gedankenkarussell seine Runden kreist. Mein Anspruch ist es, meine Teflonschicht zu stärken, vor Kratzern zu schützen, nicht Furchen hineinzuziehen oder ziehen zu lassen, aber ich gebe zu, ich besitze diese Gelassenheit nicht immer. Die Gelassenheit, wenn etwas nicht rundläuft, Plan B oder X aus dem Ärmel zu ziehen, Streitigkeiten mit Contenance zu begegnen, über der Meinung anderer zu stehen und Kritik mit einer Mischung aus Einsicht und Abstand aufzunehmen, ob wohlwollend oder unfreundlich geäußert.

Gerade die Kinder machen mich angreifbar gegenüber Kritik, und sie muss nicht mal geäußert werden. Haben wir mal die Matschhose vergessen, renne ich schon voraus, die Selbstkritikfahne schwingend. Wir müssen an der Stifthaltung des kleinen Kleinen arbeiten. Das Hausaufgabenheft des großen Kleinen, der schon seit einer Stunde in der Schule ist, liegt noch auf dem Küchentisch. Mist, Mist, Mist. Rabenkinder haben Rabeneltern.

Teflon ist ein Kunststoff, Polytetrafluorethylen, um genau zu sein, der Antihafteigenschaften aufweist. So bleibt fast nichts haften. Spiegeleier backen nicht an, Bratkartoffeln bleiben nicht am Boden kleben und ein Omelett flutscht nur so aus der Pfanne, wenn es fertig ist. Die Teflon-Technologie macht sich einen Effekt zunutze, den die Blätter der Lotuspflanze aufweisen, Wasser perlt ab und nimmt dabei Schmutzpartikel mit sich. Im schlammigsten Wasser bleiben die Lotusblätter rein. Die spezielle Mikro- und Nanostruktur der Oberfläche minimiert die Haftung von Schmutzpartikeln, der Lotuseffekt.

Lotusblume (© virtosmedia, 123RF Free Images)

Die Lotusblume ist ein wichtiges Symbol im Yoga. Sie steht für Erleuchtung, die zu erlangen man sich durch die Schlammschichten des Lebens wühlen muss. Dargestellt mit acht Blättern, symbolisiert sie den achtgliedrigen Pfad des Yoga. Ob nun Erleuchtung oder, kleinere Brötchen backend, Gelassenheit – die Teflonschicht der Psyche – es kommt nicht von allein und auch nicht nach nur einer Yogasession oder zweien. Die kontinuierliche Praxis ruckelt und zuckelt im Schneckentempo den schlammigen, steinigen, staubigen, aber auch moosweichen und sonnenwarmen Pfad entlang. Beharrlichkeit ist der Schlüssel, und wenn’s mal nur zehn Minuten am Tag sind in einer Phase des Stresses.

Dann kommen neben den Selbstvorwürfen auch andere Gedanken: Aber. Ich lese viel mit den Kindern, sie können sich auch mal eine oder zwei Stunden auf das Durchschwarten einer Handvoll Buchkapitel konzentrieren. Ich habe die Geduld, den großen Kleinen vorlesen zu lassen – Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Satz für Satz. Der Herr Papa baut an einem Nachmittag einen Roboter mit den Kindern zusammen und erklärt ihnen dabei, wie dessen Magnesium-Luft-Batterie funktioniert. Ja, Rabenkinder haben Rabeneltern. Raben sind soziale Vögel.

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